Illustration: Ein Einkaufsauftrag an einen KI-Agenten führt zu vier verschiedenen Laufschuh-Angeboten zwischen 99,95 und 143,95 Euro (KI-generiert)

Agentic Commerce: Wenn die KI einkauft – was bleibt vom Marketing?

Marketing hatte über hundert Jahre lang fast ausschließlich eine Zielgruppe: Menschen. Mit begrenzter Aufmerksamkeit, mit Vorlieben, mit Denkfehlern. Darauf ist so ziemlich alles gebaut, was wir in der Disziplin tun – vom Logo über den Werbespot bis zum Retargeting. Agentic Commerce rüttelt an diesem Fundament. Wenn KI-Agenten Produkte suchen, vergleichen und bezahlen, steht am Ende des Funnels kein Mensch mehr, sondern eine Software mit einem Auftrag. Meine These: Der Kaufakt verändert sich weniger, als die Hype-Folien behaupten. Wer den Zugang zum Kunden kontrolliert, verändert sich umso mehr. Was davon ist im Herbst 2026 schon Realität – und was noch Foliensatz?

Was ist Agentic Commerce?

Agentic Commerce bezeichnet Handel, bei dem KI-Agenten im Auftrag von Menschen oder Unternehmen einkaufen: Sie recherchieren, vergleichen, wählen aus und schließen den Kauf ab, einschließlich der Zahlung. Der entscheidende Unterschied zu dem, was wir seit ChatGPT kennen: Ein Chatbot empfiehlt, ein Agent handelt.

In der Praxis lassen sich drei Stufen unterscheiden:

  1. Assistiert: Die KI recherchiert und empfiehlt, der Mensch kauft selbst. Das ist heute Alltag.
  2. Delegiert mit Freigabe: Der Agent stellt den Warenkorb zusammen und bereitet den Kauf vor, der Mensch bestätigt per Klick oder Passkey.
  3. Autonom im Mandat: Der Agent kauft selbstständig innerhalb vorher festgelegter Grenzen – Budget, Händler, Kriterien. Etwa: „Bestell Kaffeebohnen nach, sobald sie zur Neige gehen, maximal 25 Euro, nur Fair Trade.“

Wie nah Stufe 3 schon ist, zeigt ein Detail aus meinem Selbstversuch weiter unten: Perplexity schlug nach seiner Empfehlung von sich aus vor, die Preise weiter zu beobachten und mich zu benachrichtigen, sobald sie unter 120 Euro fallen. Vom Preisalarm zum automatischen Kauf ist es nur noch ein Schritt.

Perplexity schlägt nach einer Kaufempfehlung vor, Laufschuhpreise zu beobachten und bei unter 120 Euro Alarm zu geben
Folgevorschläge von Perplexity nach der Empfehlung (Screenshot, KI-generierter Inhalt), 4. November 2026.

Gartner beschreibt dieses Feld seit Jahren als „Machine Customers“ – Maschinen, die im Auftrag von Menschen oder eigenständig als Nachfrager auftreten. 2023 haben Don Scheibenreif und Mark Raskino das Konzept in ihrem Buch When Machines Become Customers ausgearbeitet. Was damals nach Science-Fiction klang, ist inzwischen eine Frage von Protokollen, Zahlungsnetzen und Gerichtsurteilen.

Agentioc Commerce: Die Technik ist weiter als der Markt

Technisch ist in den vergangenen zwölf Monaten erstaunlich viel passiert. Im September 2025 haben OpenAI und Stripe das Agentic Commerce Protocol (ACP) als offenen Standard vorgestellt. Kurz darauf folgte Google mit dem Agent Payments Protocol (AP2), das mit über 60 Partnern aus der Zahlungsbranche startete. Im Januar 2026 legte Google auf der Handelsmesse NRF mit dem Universal Commerce Protocol (UCP) nach, gemeinsam mit Shopify entwickelt und von Händlern wie Walmart, Target und Wayfair mitgetragen. UCP soll den gesamten Weg von der Produktsuche bis zum Service nach dem Kauf abbilden. Für die Zahlungsfreigabe kann es AP2 als spezialisierte Schicht nutzen, ist darauf aber nicht festgelegt.

Auch in Europa ist die Zahlungsseite angekommen, wenn auch in Stufen. Am 2. März 2026 meldeten Santander und Mastercard die erste Ende-zu-Ende-Zahlung eines KI-Agenten in Europa. Sie lief zwar über die echte Zahlungsinfrastruktur der Bank, aber als Pilot in einer kontrollierten Umgebung. Am 2. Juli 2026 ging Visa einen Schritt weiter und meldete Agentenkäufe bei regulären Online-Händlern, freigeschaltet von über 30 europäischen Banken, darunter comdirect, Commerzbank und DKB. Abgesichert werden die Zahlungen unter anderem über Passkeys, mit denen sich die in der EU vorgeschriebene starke Kundenauthentifizierung erfüllen lässt. Ein Massenmarkt ist das noch nicht. Aber die Kartennetze haben verstanden, worum es geht: Wer die Zahlung kontrolliert, bleibt im Geschäft, egal wer einkauft.

Auf der Nachfrageseite sieht es anders aus. Das prominenteste Lehrstück lieferte ausgerechnet OpenAI. „Instant Checkout“, der Kauf direkt im ChatGPT-Fenster, startete im September 2025 in den USA und war im März 2026 beendet. Von Shopifys Millionen Händlern waren je nach Quelle nur ein bis drei Dutzend angebunden. Die Gründe dürften vielfältig sein: Integrationsaufwand, vier Prozent Provision und Nutzer, die lieber dort bezahlten, wo ihre Konten ohnehin hinterlegt waren. Gekauft wird seitdem über Händler-Apps in ChatGPT oder direkt im Shop.

Auch die Prognosen sollte man mit Vorsicht lesen. McKinsey hält bis 2030 bis zu eine Billion Dollar „orchestrierten“ Umsatz im US-Einzelhandel für möglich, weltweit drei bis fünf Billionen. Juniper Research prognostiziert für 2026 dagegen ein weltweites Transaktionsvolumen von rund acht Milliarden Dollar. Die Zahlen beziehen sich auf verschiedene Jahre, vor allem aber auf verschiedene Dinge: „Orchestriert“ heißt bei McKinsey nicht, dass ein Agent selbstständig kauft. Es genügt, dass KI an der Entscheidung beteiligt ist. Diese Unterscheidung zwischen KI-gestütztem und KI-ausgeführtem Kauf ist der Schlüssel zu fast jeder Zahl, die derzeit kursiert.

Und die Verbraucher? Laut einer Deloitte-Befragung vom Mai 2026 (1.500 Befragte in Deutschland) nutzen inzwischen 52 Prozent KI beim Online-Einkauf, im September 2025 waren es noch 44 Prozent. Von diesen KI-Nutzern wollen aber nur knapp sechs Prozent Kaufentscheidungen vollständig an die KI abgeben. In einer Umfrage von Riverty und Adyen (1.000 Befragte, Dezember 2025) wollen 93 Prozent einen KI-Einkauf jederzeit einsehen oder stoppen können, und fast die Hälfte möchte jeden Kauf selbst bestätigen. Die Hälfte würde einem Agenten höchstens 50 Euro im Monat anvertrauen. Das Bild ist vorerst eindeutig: Als Einkaufsberater ist KI akzeptiert, als autonomer Käufer noch lange nicht. Copilot ja, Autopilot nein. Noch.

Die ökonomische Logik: Suchkosten sinken, Abhängigkeiten wachsen

Warum ist Agentic Commerce trotzdem kein Hype, der wieder verschwindet? Die Antwort liefert die Ökonomie. Yannis Bakos hat schon 1997 gezeigt: Wenn elektronische Märkte die Suchkosten der Käufer senken, verschärft sich der Preiswettbewerb, und Anbieter können überhöhte Preise schwerer durchsetzen. Ein KI-Agent senkt die Suchkosten gegenüber der manuellen Recherche noch einmal drastisch. Er wertet Tausende Bewertungen aus und vergleicht Dutzende Händler, in Sekunden und ohne zu ermüden. Die Kehrseite: Je mehr Recherche ein Agent übernimmt, desto mehr Macht liegt bei seinem Betreiber und dessen Auswahlkriterien.

Damit verliert ein Teil des Marketing-Werkzeugkastens seine Grundlage. Viele bewährte Techniken funktionieren, weil Menschen unter begrenzter Rationalität entscheiden: Wir greifen zur bekannten Marke, weil der Vergleich anstrengend ist, lassen uns von Ankerpreisen beeindrucken und nehmen das erste Ergebnis. Ich habe an anderer Stelle beschrieben, wie sehr uns der Hang zur Vereinfachung prägt.

Die Vereinfachung verschwindet aber nicht, sie wandert. Auch Agenten arbeiten mit begrenztem Kontext, sie filtern und priorisieren nach Trainingsdaten, Ranking-Logiken und den kommerziellen Interessen ihrer Betreiber. Dass algorithmische Systeme Verzerrungen reproduzieren, ist seit Langem bekannt. Und Agenten lassen sich manipulieren, etwa durch versteckte Anweisungen auf Produktseiten, sogenannte Prompt Injections. Die Dark Patterns von morgen zielen nicht mehr auf das menschliche Auge, sondern auf das Sprachmodell.

Agentic Commerce: Was bleibt vom Marketing? Fünf Verschiebungen

Die folgenden Verschiebungen liegen auf unterschiedlichen Ebenen – Kaufentscheidung, Marke, Daten, Werbung, Kundenbindung – und sind unterschiedlich weit fortgeschritten. Es sind Thesen, keine Gewissheiten.

  1. Der Funnel bekommt einen neuen Engpass: das Mandat

Das klassische Trichtermodell – Aufmerksamkeit, Interesse, Wunsch, Handlung – setzt voraus, dass ein Mensch die Stufen durchläuft. Beim Agentic Commerce zerfällt die Kaufentscheidung in drei Schritte:

  • Präferenzbildung: Warum will der Kunde etwas Bestimmtes, eine bestimmte Marke, einen bestimmten Standard?
  • Delegation: Welche Anforderungen und Freiheiten überträgt er dem Agenten? „Kauf mir Laufschuhe für Asphalt, unter 150 Euro, gut gedämpft.“
  • Algorithmische Auswahl: Welche Produkte und Händler zieht der Agent tatsächlich in Betracht, und wie gewichtet er sie?

Die Delegation wird damit zu einem neuen Engpass, einem „Point of Delegation“ neben dem Point of Sale. Wer im Auftrag namentlich vorkommt („… am liebsten von Brooks“), hat einen großen Vorsprung. Wer nicht vorkommt, muss in der algorithmischen Auswahl bestehen, und dort fällt weiterhin viel: Was „gut gedämpft“ heißt, entscheidet der Agent.

  1. Die Marke wird vom Bauchgefühl zum Suchkriterium

Daraus folgen zwei gegenläufige Effekte. Als Abkürzung im Entscheidungsprozess („kenne ich, nehme ich“) verlieren Marken an Bedeutung, denn der Agent braucht diese Abkürzung nicht. Davon können unbekannte Anbieter profitieren, wenn sie bei überprüfbaren Eigenschaften wie Preis, Qualität oder Testergebnissen überzeugen. Als ausdrückliche Präferenz gewinnen starke Marken dagegen: Sie werden vom Kunden genannt und landen direkt im Mandat. Am stärksten unter Druck gerät die Mitte: austauschbare Produkte ohne klares Profil, die bisher von Regalplatz, Werbedruck und Bequemlichkeit gelebt haben.

Markenführung wird damit nicht unwichtiger, aber anders. Marken transportieren mehr als Bekanntheit: Qualitätsversprechen, Risikominderung, Zugehörigkeit. Diese Bedeutung muss so klar sein, dass Menschen eine Marke aktiv in ihre Aufträge schreiben. Das ist eine Frage von Identität, wie ich es für Archetypen in der digitalen Markenführung beschrieben habe, und weniger eine Frage der Reichweite.

  1. Produktdaten sind das neue Schaufenster

Moderne Agenten können Bilder und Webseiten durchaus interpretieren, der Comet-Agent von Perplexity navigiert etwa anhand von Screenshots. Für einen schnellen, zuverlässigen und skalierbaren Vergleich sind strukturierte Daten aber ungleich effizienter: Produktfeeds, Attribute, Preise, Verfügbarkeit, Lieferzeiten, Rückgabebedingungen. ACP und UCP definieren genau dafür eigene Schnittstellen. Wer hier lückenhafte oder widersprüchliche Daten liefert, fällt im Vergleich zurück oder gleich ganz heraus.

Das gilt auch für Inhalte. Generative Engine Optimization (GEO), die Optimierung für KI-Suchsysteme, ergänzt klassische SEO, ersetzt sie aber nicht. Einheitliche Auswahlkriterien aller Agenten gibt es nicht. Plausibel ist aber, dass glaubwürdige Quellen, nachvollziehbare Angaben und unabhängige Bewertungen die Chance erhöhen, empfohlen zu werden. Googles Qualitätskonzept E-E-A-T ist dafür ein brauchbarer Kompass, auch wenn es selbst kein Rankingfaktor ist.

  1. Werbung rückt an den Agenten heran – mit eingebautem Interessenkonflikt

Wenn Kunden nicht mehr selbst suchen, verliert die Werbung ihre Fläche. Amazon hat 2025 rund 68,6 Milliarden Dollar mit Werbung umgesetzt, ein großer Teil davon mit gesponserten Platzierungen zwischen Suche und Kauf. Ein Agent, der direkt zum Checkout springt, sieht diese Platzierungen nicht. Retail Media, eines der am schnellsten wachsenden Werbesegmente der vergangenen Jahre, steht damit vor einer Grundsatzfrage.

Die Plattformen holen die Werbung deshalb in die Oberfläche der KI-Assistenten. OpenAI testet seit dem 9. Februar 2026 Anzeigen in ChatGPT, zunächst in der kostenlosen Version und im günstigen Go-Tarif in den USA. Seit Mai können Händler ihre Produktfeeds für Shopping-Anzeigen anbinden. Die Anzeigen sind gekennzeichnet und erscheinen getrennt von der Antwort. Dass sie die Empfehlungen beeinflussen, ist derzeit nicht belegt.

Strukturell zeichnet sich der Konflikt trotzdem ab. Agenten können auf drei Wegen Geld verdienen: mit Werbung neben der Antwort, mit bezahlten Platzierungen in Shopping-Ergebnissen und mit Provisionen auf vermittelte Käufe. Spätestens bei den letzten beiden gilt: Ein Agent, der im Auftrag des Kunden einkauft und zugleich vom Händler bezahlt wird, dient zwei Herren. „Wessen Agent ist das eigentlich?“ wird eine der zentralen Vertrauensfragen der nächsten Jahre.

  1. Loyalität wird verhandelbar

Kundenbindung lebt zu einem guten Teil von Trägheit. Man bleibt beim Anbieter, weil der Wechsel Aufwand bedeutet. Agenten senken diese Wechselkosten radikal. Ein Agent hat kein Problem damit, für jede Nachbestellung den Händler zu wechseln, wenn das Angebot besser ist. Ich habe zum Loyalty Marketing bereits beschrieben, wie KI dieses Feld umbaut. Agenten treiben die Entwicklung weiter.

Bonusprogramme verschwinden deshalb nicht, aber ihr Wirkmechanismus ändert sich. Was auf Gewohnheit setzt, verliert. Was als konkreter, maschinenlesbarer Vorteil vorliegt – Punkte, Mitgliedsrabatte, kostenloser Versand –, wird zum harten Entscheidungsparameter, den der Agent mit dem Preis verrechnen kann. Dazu kommt Bindung durch messbare Leistung: zuverlässige Lieferung, kulante Rückgabe, guter Service. Loyalität wird so zu einer Größe, die maschinell gelesen und jederzeit neu verhandelt wird.

Selbstversuch: ein Auftrag, vier Antworten

Wie viel der Agent tatsächlich entscheidet, habe ich am 4. November 2026 ausprobiert. Derselbe Auftrag ging viermal hinaus, zweimal an ChatGPT (Plus-Konto, Denkmodus „Hoch“) und zweimal an Perplexity (einmal ohne Anmeldung, einmal mit Pro-Konto), jeweils in einem neuen Chat und im Abstand von etwa zehn Minuten: „Ich brauche neue Laufschuhe für Asphalt, gut gedämpft, Herren, Größe 44, maximal 150 Euro, Lieferung nach Deutschland. Such mir das beste konkrete Angebot heraus. Begründe kurz deine Wahl und nenne die Kriterien, nach denen du gewichtet hast. Kauf nichts, ich bestelle selbst.“ Die genannten Angebote habe ich anschließend selbst im Shop nachgeprüft.

DurchlaufEmpfehlungHändlerPreis laut KINachgeprüft
ChatGPT, 1.Asics Gel-Nimbus 28Alltricks.de134,99 € inkl. VersandStimmt. Der Händler schreibt zusätzlich 6,70 € Treueguthaben gut, das die KI nicht erwähnt.
ChatGPT, 2.Saucony Triumph 23PassaSports (über heise Preisvergleich)99,95 € inkl. VersandStimmt. Händler mit Sitz in den Niederlanden, ohne gültige Händlerbewertungen.
Perplexity, 1. (ohne Anmeldung)Brooks Ghost Max 4sportwerk.com (über idealo)143,95 € inkl. VersandAuf der zitierten idealo-Seite nicht mehr zu finden, dort derselbe Schuh ab 118 €.
Perplexity, 2. (Pro-Konto)Asics Gel-Nimbus 27ASICS Outlet140,00 € zzgl. VersandPreis stimmt. Der Versand ist laut Shop ab 50 € kostenlos.
Vier KI-Antworten auf denselben Laufschuh-Auftrag: ChatGPT und Perplexity empfehlen vier verschiedene Modelle zwischen 99,95 und 143,95 Euro
Die vier Empfehlungen im Original: Screenshots KI-generierter Antworten, 4. November 2026, 18:30 bis 18:45 Uhr.

Vier Durchläufe, vier Schuhe, 44 Euro Preisspanne. Was ich daraus mitnehme:

  • Der Agent legt aus. Auch derselbe Assistent mit demselben Konto entschied sich nach zehn Minuten für einen anderen Schuh. Preis-Leistung bekam einmal 15, einmal 25 Prozent Gewicht. „Gut gedämpft“ ist kein Kriterium, sondern ein Spielraum, und den füllt die Maschine.
  • Keine Überraschungsmarke. Asics, Brooks, Saucony: nur etablierte Hersteller. Die Chance für unbekannte Anbieter, die ich oben beschrieben habe, zeigte sich in dieser Stichprobe nicht.
  • Preisvergleicher und Testredaktionen als Türsteher. Begründet wurde mit idealo, heise Preisvergleich, RTINGS und dem F.A.Z.-Kaufkompass. Wer dort nicht gut dasteht, kommt beim Agenten kaum vor.
  • Die Daten sind brüchig. Ein Preis war veraltet, eine Versandangabe falsch, und einmal gewann ein Händler ohne jede Bewertung. Treuepunkte spielten in keiner Begründung eine Rolle.
  • Der Agent hinterlässt Spuren. ChatGPT hängt an seine Händlerlinks den Parameter utm_source=chatgpt.com. Händler können KI-Traffic also messen und werden ihn optimieren.
ChatGPT gewichtet denselben Einkaufsauftrag in zwei Durchläufen unterschiedlich
Gleicher Auftrag, gleiches Konto, andere Gewichtung: Screenshots der beiden ChatGPT-Durchläufe (KI-generierte Inhalte).

Repräsentativ ist das nicht, es ist eine Stichprobe mit zwei Systemen. Aber sie zeigt im Kleinen, worüber dieser Beitrag im Großen spricht: Zwischen dem Auftrag und dem Warenkorb liegt eine Auswahl, die der Kunde nicht sieht.

Wem gehört der Kunde? Der Fall Amazon gegen Perplexity

Wie sehr es bei Agentic Commerce um Macht geht, zeigt der Rechtsstreit zwischen Amazon und Perplexity. Perplexitys Browser Comet kann im Auftrag des Nutzers auf Amazon einkaufen. Amazon klagte im November 2025: Perplexity tarne den Agenten als gewöhnlichen Chrome-Browser und greife ohne Erlaubnis auf passwortgeschützte Kundenkonten zu. Im März 2026 erließ ein Bundesgericht in San Francisco eine einstweilige Verfügung. Perplexity hielt dagegen, Amazon gehe es um die eigenen Werbeerlöse und um Konkurrenz für die hauseigenen Assistenten Rufus und „Buy for Me“.

Am 4. August 2026 hob das Bundesberufungsgericht für den Ninth Circuit die Verfügung auf. Mit dem Vorwurf eines Verstoßes gegen das US-Anti-Hacking-Gesetz CFAA werde Amazon voraussichtlich scheitern. Denn nach dem bisherigen Sachverhalt greife nicht Perplexity auf Amazons Server zu, sondern der Nutzer, mithilfe eines Werkzeugs. Ein Verbot würde, so Richter Milan Smith, die Wahlfreiheit der Verbraucher beeinträchtigen und eine junge Technologie unnötig bremsen. Am 10. September lehnte das Gericht auch Amazons Antrag auf Neuverhandlung in größerer Besetzung ab.

Ein Freibrief für Shopping-Agenten ist das nicht. Die Entscheidung betrifft nur die vorläufige Verfügung und die Computer-Zugriffsgesetze. Ansprüche aus Amazons Nutzungsbedingungen sind nicht erledigt, das Hauptsacheverfahren läuft weiter. Die Signalwirkung ist trotzdem groß, denn der Fall zeigt den Kern des Konflikts: Händler und Plattformen wollen die Kundenschnittstelle kontrollieren, weil dort Daten, Werbeflächen und Margen liegen. Agenten-Anbieter wollen sich genau dazwischenschieben. Wer im Agentenmarkt dominiert, wird zum neuen Gatekeeper.

Dazu kommt ein neuer Lock-in-Effekt: Je besser ein Agent meine Präferenzen kennt, desto teurer wird der Wechsel. Das Recht auf Datenübertragbarkeit aus Art. 20 DSGVO erfasst im Wesentlichen die Daten, die ich selbst bereitgestellt habe, kaum aber die Präferenzprofile, die ein Agent daraus ableitet. Die Fragen, die ich zur Plattformregulierung durch Dateneigentum gestellt habe, werden damit dringlicher.

Verbraucherrecht ohne Verbraucher

Rechtlich ist Agentic Commerce weitgehend Neuland, vor allem in Europa. Das EU-Verbraucherrecht beruht auf einer stillschweigenden Annahme: Am Ende entscheidet ein Mensch. Informationspflichten, Widerrufsbelehrungen, der Schutz vor manipulativem Design – all das richtet sich an menschliche Wahrnehmung. Der Osnabrücker Rechtswissenschaftler Christoph Busch hat diese Lücke systematisch herausgearbeitet, zuletzt in einem Papier für den Brüsseler Thinktank CERRE vom Juli 2026.

Dabei sind drei Fragen auseinanderzuhalten. Erstens die Zurechnung: Automatisiert erzeugte Erklärungen, sogenannte Computererklärungen, werden nach herrschender Meinung demjenigen zugerechnet, der das System einsetzt. Ob das für weitgehend autonom agierende KI-Agenten uneingeschränkt gilt, ist offen. Zweitens das Mandat: Was gilt, wenn der Agent seine Befugnisse überschreitet und mehr kauft oder teurer als vereinbart? Drittens die Form: Nach § 312j Abs. 3 und 4 BGB kommt ein Online-Vertrag mit Verbrauchern nur zustande, wenn diese ausdrücklich bestätigen, dass sie sich zu einer Zahlung verpflichten, bekannt als Button „zahlungspflichtig bestellen“. Ob ein Agent diesen Button stellvertretend drücken darf, ist ungeklärt. Und während das Recht Menschen vor Dark Patterns schützt, gibt es keinen vergleichbaren Schutz für Agenten, die per Prompt Injection in die Irre geführt werden.

Die Gelegenheit zur Nachbesserung steht unmittelbar bevor. Die EU-Kommission will ihren Vorschlag für einen Digital Fairness Act noch in diesem Jahr vorlegen, laut vorläufiger Tagesordnung womöglich schon am 11. November. Bisher stehen vor allem Dark Patterns, suchtförderndes Design, Influencer-Marketing und Abo-Fallen im Fokus. Ob der Entwurf Agentic Commerce überhaupt adressiert, ist offen. Busch hat das Thema mehrfach als blinden Fleck der Debatte bezeichnet. Bleibt es dabei, reguliert Europa wieder einmal hinterher.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Abwarten ist keine Strategie, Aktionismus aber auch nicht. Für die meisten Unternehmen sind fünf Schritte sinnvoll:

  • Produktdaten in Ordnung bringen: vollständige, konsistente und maschinenlesbare Attribute, Preise, Verfügbarkeiten, Lieferzeiten und Rückgabebedingungen.
  • Die eigene Sichtbarkeit in KI-Systemen testen: regelmäßig prüfen, ob und wie ChatGPT, Gemini, Perplexity & Co. die eigene Marke empfehlen, und herausfinden, warum nicht. Ein Test wie der oben dauert eine halbe Stunde.
  • Agenten erkennen statt pauschal blockieren: Standards wie das Trusted Agent Protocol von Visa helfen, legitime Agenten von Bots zu unterscheiden. Wer alle Agenten aussperrt, sperrt künftig auch Kunden aus.
  • Werbe- und Loyalty-Budgets prüfen: Welche Werbeflächen verschwinden, wenn Agenten direkt kaufen? Welche Vorteile eines Bonusprogramms kann ein Agent überhaupt lesen und verrechnen?
  • Markenführung schärfen: Eine Marke muss so klar sein, dass Kunden sie aktiv in ihren Auftrag schreiben.

Fazit: Nicht der Kauf verschiebt sich, sondern die Macht

Agentic Commerce kommt nicht als Urknall, sondern schleichend. Das Ende von Instant Checkout zeigt, dass ein technisch möglicher Kaufweg nicht automatisch angenommen wird. Die Mehrheit will einen Copiloten, keinen Autopiloten. Wer deshalb Entwarnung gibt, übersieht aber das Wesentliche: Schon die assistierte Stufe verändert, wer den Kunden sieht, wer seine Präferenzen kennt und wer an der Kasse mitverdient.

Die menschliche Kaufentscheidung verschwindet nicht. Ein Teil davon wandert in algorithmische Systeme und damit zu deren Betreibern. Für das Marketing heißt das: Es muss künftig zwei Instanzen überzeugen, den Menschen, der den Auftrag formuliert, und die Maschine, die ihn ausführt. Den einen erreicht man über Bedeutung, die andere über Daten. Wer nur eines von beidem beherrscht, wird es schwer haben.

FAQ zu Agentic Commerce

Was unterscheidet Agentic Commerce von KI-gestütztem Einkaufen?

Bei KI-gestütztem oder Conversational Commerce berät eine KI, der Kunde kauft selbst. Beim Agentic Commerce führt ein KI-Agent den Kauf im Auftrag des Kunden durch, bis hin zur Zahlung, entweder mit Freigabe im Einzelfall oder autonom innerhalb festgelegter Grenzen.

Können KI-Agenten in Deutschland schon selbst bezahlen?

Ja, aber bisher nur in begrenztem Umfang. Visa und Mastercard haben 2026 mit europäischen Banken erste Agentenzahlungen gestartet, darunter comdirect, Commerzbank und DKB. Abgesichert wird das unter anderem über Passkeys und die starke Kundenauthentifizierung. Von einem Massenmarkt kann noch keine Rede sein.

Ist ein Kauf durch einen KI-Agenten rechtlich wirksam?

Grundsätzlich können auch automatisiert abgegebene Erklärungen wirksam sein. Bei autonomen KI-Agenten sind aber zentrale Fragen ungeklärt: die Zurechnung, wenn der Agent seine Befugnisse überschreitet, und ob er die gesetzlich vorgeschriebene Bestätigung der Zahlungspflicht (§ 312j BGB) für den Verbraucher abgeben kann. Ob der geplante Digital Fairness Act diese Fragen aufgreift, ist offen.

Quellen


Über den Autor: Prof. Dr. Andreas Wagener lehrt Digitales Marketing. Der promovierte Politikwissenschaftler forscht zu KI in Wirtschaft und Gesellschaft, Plattformökonomie und Algorithmic Governance.

Transparenzhinweis (EU AI Act): Das Beitragsbild ist KI-generiert (Claude, Anthropic). Die Abbildungen im Selbstversuch zeigen Screenshots KI-generierter Antworten von ChatGPT und Perplexity. Alle Bilder sind zusätzlich in den Metadaten nach IPTC-Standard als KI-Inhalt gekennzeichnet.

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Vorträge und Keynotes von Prof. Dr. Andreas Wagener zu KI im Marketing finden Sie unter Über uns / Keynotes.

Mehr Informationen zum Thema KI im Marketing finden Sie im Buch von Andreas Wagener Künstliche Intelligenz im Marketing, Haufe, Freiburg, 2023

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