Schule in Bayern: Digitale Bildung unerwünscht?

Digitale Vernunft vs. bayrisches Schulsystem – die Geschichte einer Odyssee

Immer wieder war zu Letzt über die schlechte digitale Ausstattung an unseren Schulen zu lesen (z.B. hier und hier). Auch wenn ich absolut die Besorgnis teile, dass unseren Kindern viel zu wenig digitale Bildung vermittelt wird, bin ich jedoch skeptisch, was die an diesen Stellen oft skizzierten Lösungsansätze des Problems betrifft: Bevor wir Millionen in die Ausstattung unserer Schulen in digitale Lehrmittel investieren, die ohnehin in kürzester Zeit überholt sind, sollten wir zunächst einmal das „Mindsetting“ und ganz allgemein die digitale Kompetenz an unseren Lehrinstitutionen überprüfen. Denn da scheint viel Nachholbedarf zu bestehen.

Was ich damit meine, möchte ich an dem folgenden Beispiel aus dem wahren Leben skizzieren:


Ich bin Vater einer 14jährigen Tochter, 9. Klasse Gymnasium in Bayern. Seit Wochen bemühen wir uns, mit verschiedenen Lehrern der Schule in Kontakt zu treten. Nichts gravierendes, sondern einfach um ein paar Fragen zu klären. Dazu werden wir auf deren Sprechstunden verwiesen. Eine direkte Kontaktaufnahme mit den Lehrkräften per Mail oder Telefon ist schon Mal – angeblich aus Datenschutzgründen – nicht möglich. Stattdessen muss zwingend ein Termin über das Sekretariat vereinbart werden. Die Sprechstundenzeiten sind allerdings nicht frei, sondern nur gegen Eingabe eines Passwortes zugänglich. Der Grund hierfür? – Bleibt schleierhaft. Auch hier wird der Datenschutz angeführt und, dass „das Ministerium“ es so will. Welche geheimen Daten ein Gymnasiallehrer mit der Veröffentlichung seiner Dienst-E-Mail oder seiner Sprechstundenzeiten preisgibt, konnte ich bisher auch nach intensiver Recherche nicht in Erfahrung bringen.

Schulen in Bayern: Digitalisierung unerwünscht?

Offensichtlich herrscht an den bayrischen Schulen eine gegenüber den Vorzügen der Digitalisierung grundsätzlich ablehnende Haltung. Wie unkompliziert wäre es doch für alle Beteiligten, einfach einen Termin per kurzer Mail zu vereinbaren. Aber nein, so etwas scheint in der bayrischen Schullandschaft nicht vorgesehen zu sein. Stattdessen werden diffuse Ängste vor der Digitalisierung bis zum Exzess gepflegt:

Eigentlich hätte das Passwort für die Website (allein, dass so etwas überhaupt für notwendig befunden wird, ist schon so unsinnig, dass ich es kaum zu schreiben vermag) an alle Kinder in der Klasse verteilt werden sollen. Davon hatte aber am Elternabend keiner etwas mitbekommen. Daraufhin rief meine Frau, bis vor kurzem stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende der Schule und den Verwaltungsmitarbeitern dort bestens – nicht nur namentlich – bekannt, im Sekretariat an. Dort teilte man ihr mit, dass das Passwort nicht am Telefon übermittelt werden könne. (Sie hätte ja ein potenzieller Attentäter auf das bayrische Schulwesen sein können, man weiß ja nie.) Eine Übersendung per Mail kommt an der Schule grundsätzlich nicht in Frage, weil die Missbrauchsgefahr – gegenüber dem absolut sicheren, klassischen Papier nicht zu kalkulieren sei.

Print ist sicher, digital kann man nicht trauen?

Jeder in meinem Alter (ich bin 42), der als Heranwachsender in seiner Schulzeit schon mal die Unterschrift unter der Entschuldigung für den Sportunterricht gefälscht hat, kann da nur müde und desillusioniert den Kopf schütteln. Klar: Die Mail der Eltern ist anzuzweifeln, die unterschriebene Entschuldigung auf Papier muss sicher sein. Es ist ja ein ungeschriebenes Gesetz, dass mit der Ausbildung zum Lehrer auch stets eine tiefgreifende Expertise in der Graphologie erworben wird, und offensichtlich ist die Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten so ausgeprägt, dass im Rektorat der Schule auch sämtliche Unterschriften der Eltern vorliegen…

Aber ich schweife ab: also das Sekretariat wollte aus Datenschutzgründen das Passwort weder per Mail noch telefonisch herausrücken. Lösungsvorschlag: „Ihre Tochter soll das Passwort im Sekretariat abholen!“. Gesagt, getan. Als diese dort vorsprach, verweigerte man ihr jedoch jede Auskunft und schickte sie unverrichteter Dinge wieder nach Hause: „Das geht nur über Deine Eltern.“

Ist ja auch klar, wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach so eine öffentliche Website einsehen dürfte. Und eine 14jährige Schülerin könnte ja sonst was mit diesem Passwort anstellen – das will man sich ja gar nicht alles ausmalen…

Die Termine der Sprechstunden der Lehrer an der Schule meiner Tochter kennen wir jedenfalls bis heute nicht.

Warum wir im internationalen Vergleich so weit bei dem doch so unermesslich wichtigen Thema der Digitalisierung hinterher hinken, verstehe ich hingegen jeden Tag besser.

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