Social-Media-Verbot

Social-Media-Verbot: Weil die Eltern unfähig sind? Und überhaupt: warum eigentlich nur für Minderjährige?

Täglich hört man von der angeblich unausweichlichen Notwendigkeit eines Social-Media-Verbotes für Minderjährige. Das scheint weitgehender gesellschaftlicher Konsens zu sein. Einige wichtige Fragen werden dazu aber nicht gestellt: Was ist mit den Eltern?  Und warum eigentlich nur für Minderjährige?

Kaum ein Tag vergeht, an dem man nicht von irgendeiner Seite erneut mit einem Social-Media-Verbot für Minderjährige konfrontiert wird. Quer durch die deutsche Parteienlandschaft spricht sich die Politik grundsätzlich für eine Altersgrenze bei der Social-Media-Nutzung aus, egal ob CDU, SPD oder Grüne. Nur die Linke und ausgerechnet die CSU, sonst ja immer ganz vorne bei gesellschaftlichen Disziplinierungsmaßnahmen, stellen sich gegen ein Mindestalter.

Tatsächlich ist die Mehrheit der Deutschen für ein Social-Media-Verbot bei Kindern. 85% der Erwachsenen sind laut einer ifo-Umfrage für eine Altersgrenze, bei den unter16-jährigen sind es immerhin auch noch 39%.

Social-Media-Verbot in anderen Ländern

In anderen Ländern denkt man ähnlich. Neben dem vielbemühten Beispiel Australien hat auch  Indonesien inzwischen ein Social-Media-Verbot für unter 16jährige beschlossen. Ähnliche Bestrebungen gibt es derzeit unter anderem in Spanien, Griechenland, Dänemark, Frankreich und UK.

Angesichts dieser scheinbar sehr weitreichenden Einigkeit in der Sache, gehen die wenigen kritischen Stimmen oft unter. Dabei wäre es durchaus angebracht, einige Prämissen und vermeintliche Unausweichlichkeiten in der Diskussion zu hinterfragen:

Warum ein Social-Media-Verbot nur für die Unter-16-Jährigen?

Erstens: Man fragt sich staunend: Warum eigentlich nur die Unter-16-Jährigen? So als gäbe es keine Filterblasen auf Facebook, wo sich vorzugsweise (mittel)alte Frauen und Männer in Tiraden über die „linksgrünversiffte Wokeness“ versteigen oder die berüchtigten Telegram-Gruppen, in denen Verschwörungstheorien Flatearther, Chemtrail-Analysten und andere Systemverweigerer – alle in der Regel deutlich dem Teenager-Alter entwachsen – in ihre „Rabbit Holes“ hinabziehen. Und auch die massenhafte Verbreitung von Fake News über die Sozialen Medien ist fairerweise nun mal sicherlich nicht überwiegend der jungen Alterskohorte anzulasten.

Ja, ohne Zweifel: Social Media birgt ein massives gesellschaftliches Problem. Diese zersetzende Wirkung sozialer Medien ist wissenschaftlich gut belegt. Aber sich nun hier nur auf die Minderjährigen zu stürzen, wird dem Thema in keinster Weise gerecht, man nennt so etwas „Simplification Bias“, der typische Reflex, für komplexe Herausforderungen nach allzu simplen Antworten zu suchen, was in aller Regel bedeutet, dabei den Kern des Problems aus den Augen zu verlieren. Der Degeneration durch Social Media entgegenzuwirken, sollte eine Aufgabe mit gesamtgesellschaftlichem Fokus sein, denn die Wahrheit ist: „Die Alten“ können in der Masse genauso wenig mit ihrem Social-Media-Konsum umgehen, es ist nicht nur die „junge Generation“, die hier Hilfe braucht. Und vielleicht ist ja das bereits ein Hinweis darauf, dass Verbote womöglich grundsätzlich im Kontext von Medien problematisch sind und das sinnvolle Maßnahmen an anderer Stelle ansetzen sollten, z.B. bei der Regulierung der Anbieterplattformen und ihrer Algorithmen.

Social-Media-Verbot oder doch nicht eher in Wahrheit ein Internet-Verbot?

Zweitens: Wenn wir von einem Social-Media-Verbot sprechen – was soll dann überhaupt unter diese Definition fallen? Bei Facebook, Instagram und Snapchat erscheint die Lage eindeutig. Aber was ist mit Messengerdiensten, wie WhatsApp oder Telegram? Im Verbots-Vorreiter-Land Australien sind letztere ausdrücklich von den Regelungen ausgenommen. Reddit als große Forenwebsite fällt hingegen darunter. Discord, das ursprünglich vor allem von Gamern zum Austausch genutzt wurde und sich gerade bei Teenagern auch hierzulande aktuell einer steigenden Beliebtheit erfreut, ist wiederum nicht von den Beschränkungen betroffen. Diese Auswahl erscheint also bei genauerer Betrachtung weder konsistent noch konsequent.

Aber ohnehin könnte man den Eindruck gewinnen, dass es gar nicht so sehr allein um die Sozialen Medien geht, sondern dass hier ziemlich viel in einen Topf geworfen wird. Im Kern scheinen die Befürworter eines „Social-Media-Verbotes“ eher grundsätzlich „das Internet“ oder „das Handy“ ins Visier genommen zu haben, zu dem der minderjährige Zugang eingeschränkt werden soll.

Social-Media-Verbot weil Eltern zu faul, inkompetent oder inkonsequent sind?

Und damit wären wir bei Drittens: Vielen ist offenbar nicht bewusst, dass einem als Erziehungsberechtigten sehr weitreichende Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um den Konsum der eigenen Kinder von digitalen Medien selbst und eigenständig zu kanalisieren. Bis zum Alter von 16 Jahren kann man mit Tools, wie beispielsweise der Google-App, „Family Link“, technisch simpelst, Nutzungszeiten auf dem Smartphone der Kinder einrichten, spezifische Apps ganz sperren, Neuinstallationen überprüfen usw. Würden Eltern ihren eigenen Wunsch nach mehr Beschränkung von Social Media ernst nehmen, müssten sie daher einfach nur ihrem Erziehungsauftrag nachkommen. Ein Verbot wäre damit überflüssig. Das mag nicht immer einfach sein und endlose Diskussionen mit schlecht gelaunten Teenagern tragen vermutlich nicht gerade zur Stabilisierung des Familienfriedens bei – als Vater von zwei Teenager-Söhnen (inzwischen 14 und 16), weiß ich wovon ich spreche.  Aber es wäre doch allemal vernünftiger auf die auch sonst vielbemühte „Eigenverantwortung“ zu bestehen, als das Problem an die Allgemeinheit zu delegieren. Oder nicht?

Social-Media-Verbot weil Vermittlung von Medienkompetenz zu anstrengend ist?

Medienverbote weisen in jeder Form immer eine Schattenseite auf. Auch Teenagern können wir ein Recht auf Information nicht verwehren, trotz aller unbestreitbarer Probleme, die das in der Praxis mit sich bringen mag. Natürlich bedarf es entsprechender Medienkompetenz. Die zu vermitteln, ist nicht zuletzt auch eine staatliche Aufgabe, die in den Schulen stattfinden muss. Ein Social-Media-Verbot wäre die Bankrotterklärung des staatlichen Bildungsauftrages.

Dass hier der Staat seit vielen Jahren versagt, lässt sich an der Diskussionskultur in den Sozialen Medien ablesen.

Es ist eben längst nicht nur ein Problem der heutigen Minderjährigen.

Mehr zum Thema: Vortrag/Keynote von Prof. Dr. Andreas Wagener: „Von Cyborgs und Digitalen Lebewesen: Wie generative KI&VR menschliches Leben (und Sterben) verändern“:

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