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Digitale Kompetenzen mit Handyverbot vermitteln?

Digitale Bildung: Handyverbot an bayerischen Schulen

Dass an bayerischen Gymnasien die Digitalisierung trotz anders lautender Bekundungen der Politik noch nicht wirklich Einzug gefunden hat, haben wir ja schon beschrieben. Aber nun gibt es in dieser Sache neues zu berichten: Offensichtlich besteht die Strategie der bayerischen Bildungspolitik zur Bewältigung der Aufgabe, unseren Nachwuchs für die Herausforderungen der Digitalen Transformation fit zu machen, darin, schlichtweg Digitales grundsätzlich zu verbannen.

So wurde etwa am Würzburger Matthias-Grünewald-Gymnasium (MGG) vor kurzem nun ein absolutes Handyverbot verfügt – und zwar wohlgemerkt explizit in den Pausen sowie vor Beginn und nach Ende des Unterrichts(!).

Vermittlung „medientechnischer Verantwortung“ per Handyverbot

Interessant ist dabei die Motivation für dieses Vorgehen: Denn begründet wird die Maßnahme „mit dem Ziel, die Schülerinnen und Schüler an unserem Gymnasium zu medientechnisch verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu erziehen“.

Die Schulleitung beruft sich dabei in einem entsprechenden Schreiben an die Eltern auf Art. 56 Abs.(5) des bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEuG):

Im Schulgebäude und auf dem Schulgelände sind Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten. Die unterrichtende oder die außerhalb des Unterrichts Aufsicht führende Lehrkraft kann Ausnahmen gestatten. Bei Zuwiderhandlung kann ein Mobilfunktelefon oder ein sonstiges digitales Speichermedium vorübergehend einbehalten werden.

 

Für mich leiten sich daraus zwei Fragen ab:

1.) Wie glaubt eigentlich der bayerische Gesetzgeber, dass Medienkompetenz erworben wird?

Und 2.): Wie will eine Schule ernsthaft „medientechnisch verantwortungsvolle Persönlichkeiten“ bilden, wenn das Einzige, was ihr zur Medientechnik einfällt, ist, diese auszuschalten?

Verantwortung lernen ohne eigenes Handeln?

Natürlich, wer selbst Kinder im „Anwenderalter“ hat, weiß oft zur Genüge von exzessivem Smartphonegebrauch und daraus womöglich resultierenden kleineren und größeren Familiendramen zu berichten. Aber ist ein Abschalten ernsthaft eine Lösung? Wäre es nicht die primäre pädagogische Aufgabe, sich aktiv und intensiv damit auseinanderzusetzen? Verantwortung kann nur übernehmen wer auch handeln und das heißt in diesem Fall anwenden darf – zunächst zum Beispiel unter Anleitung und dann Schritt für Schritt selbständiger.

Verbote statt Kompetenzaufbau

Das setzt natürlich auch voraus, dass diejenigen, die Anleitung geben sollen, dazu auch die Kompetenz besitzen. Und vermutlich liegt hier das Problem: Snapchat, Instagram, Twitter kennen die meisten Eltern und Lehrer bestenfalls vom Hörensagen. Dann ist es natürlich schwierig, hier einwirken zu können. Also wird alles Digitale pauschal dämonisiert. Man versteckt sich hinter angewandter Verbotsautorität. Die eigentlich zu lösenden Aufgaben und Probleme werden auf außerhalb der erzieherischen Sphäre verlegt. Dabei wäre Bildung genau hier so unendlich wichtig. Es gäbe eine Menge zu vermitteln: nicht nur aus ökonomischen Gesichtspunkten, sondern auch etwa bei Fragen nach einer selbstbestimmten „Datenidentität“ oder Verhaltenskodizes im Netz.

Damit – und nicht mit pauschalen Verboten – würde man Kinder zu „medientechnisch verantwortungsvollen Persönlichkeiten“ erziehen.

Aber so wie in Bayern, am Würzburger Matthias-Grünewald-Gymnasium, überlässt man die Beantwortung dieser wichtigen Fragen lieber sich selbst – das entspricht einer pädagogischen und bildungspolitischen Bankrotterklärung.

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